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Der Kirchhügel in Wölflinswil wurde genauer unter die Lupe genommen. Foto: Peter Bircher
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Geologie des «Stöckli» – David Jaeggi hat den Kirchhügel in Wölflinswil untersucht

Der Kirchhügel, auf dem Kirche und altes Schulhaus thronen, birgt so manche Geheimnisse. Geologe David Jaeggi ist diesen auf die Spur gegangen.

DAVID JAEGGI*

Das Stöckli, auf dem die Kirche und das alte Schulhaus stehen, bildet einen markanten Felssporn, welcher wie ein Schiffsbug von Süden seitlich in das SSE-NNW-orientierte Tal hineinragt. Um die Entstehung des Stöckli zu verstehen, muss man in der Erdgeschichte weit zurückblättern. Die hier aufgeschlossenen Gesteinsschichten des Hauptrogensteins und des Schelmenloch Members (ehemals Variansschichten) wurden vor ca. 170 Mio Jahren im Meer abgelagert. Die damaligen Verhältnisse in einem untiefen Meer, einer sogenannten Karbonatplattform, führten zur Ablagerung von oolithischen Karbonatsanden mit typischer Schrägschichtung, was auf geringe Wassertiefe und hohe Strömungsgeschwindigkeiten hindeutet. Teilweise schliesst der Hauptrogenstein oben mit eisenschüssigen, spätigen Kalken, dem sogenannten Spatkalk, ab.

Geologe David Jaeggi (links) bei der Untersuchung des Kirchhügels. Foto: Peter BircherSchöne Aufschlüsse zum Hauptrogenstein finden sich hinter den Häusern des Bodens und auch am Chillerain. Der Übergang zum Schelmenloch-Member wird mit einem angebohrten und längere Zeit nicht mit Sediment überdeckten Horizont (ehemaliger Meeresboden) abgeschlossen. Dieser ehemalige Meeresboden ist hinter der Werkhalle am Hinterrain am besten aufgeschlossen. Danach änderten sich die Sedimentationsbedingungen zu wechselnden Wassertiefen und stärkerem Toneintrag und führten zu mergeligen und sehr fossilführenden eisenschüssigen und damit rötlichen Gesteinen des Schelmenloch- Members. Hier finden sich neben Ammoniten und Brachiopoden (nicht zu verwechseln mit Muscheln) auch pfannkuchenartige kleine Seeigel. Aufgeschlossen sind diese Gesteine im oberen Bereich des Rank. Die Kirche, das Pfarrhaus und die Pfarrscheune sind vermutlich in diesen eher weichen Gesteinen fundiert. Weitere jüngere Gesteine gelangten in der Folge zur Ablagerung, sind aber am Stöckli wieder wegerodiert worden.

Vor ca. 20 bis 30 Mio. Jahren bildete sich im Zuge der Krustenzerrung beim Oberrhein-Graben zwischen Vogesen und Schwarzwald ein Grabenbruchsystem, welches seine Ausläufer bis in das Gebiet des heutigen Wölflinswilertals hatte. Gräben öffneten sich ca. in Nord-Süd-Richtung und führten zu einem System von sogenannten Keilgräben (steilen Absenkungen). Diese Gräben wurden später bei der Jurafaltung vor ca. 12 bis 3 Mio. Jahren teils als horizontale Nord-Süd-Verschiebungen reaktiviert. Detaillierte Kenntnisse über dieses Wölflinswiler Grabenbruchsystem verdanken wir vor allem den Schürfungen und Untersuchungen des Eisenerzlagers von Herznach und Wölflinswil in den 1930er Jahren.

Der Wölflinswiler Grabenbruch besteht aus mehreren Teilgräben und weist eine Breite von ca. 700 m auf. Die Sprunghöhen an den Einzelverwerfungen erreichen 70 bis 110 m. Das Stöckli liegt auf der westlichen, etwas höher gelegenen Teilscholle, der östlich daran anschlies-sende Graben ist ca. 90 m tiefer abgesunken. Aufgrund dieser Tektonik bildet das Stöckli mit den harten Gesteinen des Spatkalks (eisenschüssige spätige Kalke) und des Hauptrogensteins (oolithische Kalke) einen Härtling, der zudem in den weicheren darüberliegenden Mergeln des Schelmenloch Members der Ifenthal-Formation durch Erosionsränder begrenzt wird. Im Bereich des Friedhofs liegt wenige Meter mächtiges Lockergestein über dem Fels. Es handelt sich dabei vermutlich grösstenteils um verschwemmte Rissmoräne oder Moräne der Maximalvergletscherung, als die Gletscher über den Jura hinweg reichten und im Gebiet nebst feinkörnigen Gletschersedimenten auch die bekannten grossen Erratiker (Findlinge) des Rohnegletschers ablagerten.

Von Menschenhand verändert
Nebst den natürlichen Prozessen wurde das Stöckli aber auch von Menschenhand weiter verändert. So sind hinter den nahe an die Felswände des Hauptrogenstein gebauten Häusern im Boden und am Chillerain Abbauspuren am Fels sichtbar. Ob es sich hierbei um regelrechte frühere Steinbrüche zur Bausteingewinnung oder auch nur um Felsabtrag zur Platzgewinnung in jüngerer Zeit handelt, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Dass dieses Gestein früher in der Region als Baustein Verwendung fand, ist z.B. mit dem ehemaligen Steinbruch östlich von Wölflinswil am Talweg nach Herznach belegt. Frischer Hauptrogenstein wird in Bohrungen in grösserer Tiefe generell grau und in verwitterter Form in Oberflächennähe bräunlich-beige angetroffen. Bei dicken Bänken und wenig Klüften ist das Gestein generell kompakt und hart und somit als Baustein geeignet. Die Verwitterungsbeständigkeit von Hauptrogenstein ist jedoch nicht sehr gut.

Der Hauptrogenstein, welcher das Fundament des Stöckli bildet, gilt gemeinhin als grundwasserleitendes Gestein. Das Wasser zirkuliert in Klüften, welche ein regelrechtes unterirdisches Netzwerk bilden können. Durch Korrosionsprozesse im Untergrund können sich solche Klüfte zu regelrechten wasserführenden Gängen oder Höhlen erweitern. Ergiebige Quellaustritte sind daher im Hauptrogenstein häufig. Die Gesteine des Schelmenloch Members darüber und auch der Passwang Formation (nicht sichtbar am Stöckli) darunter sind schlecht wasserdurchlässig und wirken als Stauer.

Der Geologe David Jaeggi. Foto: zVgDie spannende Geologie des Stöckli hebt die historische und gesellschaftliche Bedeutung für Wölflinswil in bemerkenswerter Weise hervor: Der Felshärtling dieses markanten und allseits von Wölflinswil sichtbaren Felssporns bildet das gut tragende Fundament für Dorfkirche, Pfarrscheune und das ehemalige Schulhaus und wird diese wichtigen Bauten auch über weitere Jahrhunderte sicher und stolz präsentieren.

* Der Geologe David Jaeggi ist in Wölflinswil aufgewachsen, hat in Zürich an der ETH Geologie studiert und dort auch promoviert. Nach einigen Stationen in der Privatwirtschaft hat er 2010 ans Felslabor Mont Terri gewechselt, wo er zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundes und seit 2020 als Leiter des Mont-Terri-Projekts tätig ist.

Bilder: 
Bild 1: Der Kirchhügel in Wölflinswil wurde genauer unter die Lupe genommen. Foto: Peter Bircher
Bild 2: Geologe David Jaeggi (links) bei der Untersuchung des Kirchhügels. Foto: Peter Bircher
Bild 3: Der Geologe David Jaeggi. Foto: zVg